Fischöl, Olivenöl, Mittelmeerdiät

Fischöl, Olivenöl, Mittelmeerdiät – keine Belege für Wirkung– keine Belege für Wirkung

Die Einwohner Grönlands und die des Mittelmeerraums haben wahrscheinlich wenig gemeinsam – bis auf ein auffälliges Merkmal, das Wissenschaftler bereits seit den 60er Jahren aufmerken lässt: In diesen Regionen leiden die Menschen besonders selten an Erkrankungen der Herzgefäße.

Schnell wurde die vermeintliche Ursache ausgemacht: die Ernährungsgewohnheiten – zwar grundverschieden, aber doch mit dem gleichen herzgesunden Effekt. Bei den Innuit war es der stete Konsum von Wal-, Robben- und Fischfett, bei den Südländern doch eher die ausgewogene „Mittelmeerkost“, bestehend aus einem reichhaltigen Angebot an frischen Salaten, Obst, Gemüse, Fisch, Nüssen, Getreide, Hülsenfrüchten, mit Olivenöl als Grundelement und wichtigstem Fettlieferant. Fleisch bleibt marginal und Rotwein ebenso.

Diese Informationen zugrunde gelegt, ließ die Nahrungsmittelindustrie mit ihren Angeboten nicht lange auf sich warten. Bestseller wie „Fischölkapseln“ und „Speiseölvariationen“ jeglicher Provenienz, gewonnen durch „besonders natürliche Herstellungsverfahren“ wurden angeboten – begleitet von neuen Begrifflichkeiten wie kaltgepresst, extra virgin, Omega3, einfach/ mehrfach ungesättigt, gehärtet. Der Kenner setzt sich sogar mit „Transfettsäuren als Stereoisomere der cis-Form“ auseinander. Nicht zu vergessen das komplexe Wechselspiel mit allem, was mit Bluttfettwerten zusammenhängt – Cholesterin, gutes und schlechtes, Triglyzeride, LDL oder HDL uvm.

Die Versuchung, statt an selbst zubereitetes Essen an eine Gesundheitspille zu glauben oder auch an den täglichen Gesundheits-Ernährungs-Quickie ist ein immer wiederkehrender Zwang, der viele von uns ereilt, nur kurz durch Schreckensmeldungen zu Nebenwirkungen gedämpft – die manchmal noch Jahrzehnte später nachgereicht wurden, was soll‘s.

Und so haben es viele versucht, als Eskimo oder Kretaner oder beides – mit Kapseln und Flaschen zwar, aber die Essenz war doch dieselbe.

Bis heute gibt es keine Belege für eine positive Auswirkung dieser oder anderer fettreduzierenden Ernährungsweisen. Untersuchungen zu Cholesterinspiegelsenkungen durch rigorose Diäten mit reduzierten gesättigten Fettsäuren stammen aus den 60er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und wurden zum Teil nur auf bestimmte Personenkreise beschränkt. Nach Meinung von Experten kaum übertragbar auf die Allgemeinheit und die Gegenwart. Für alle Studien gilt: ein lebensverlängernder Effekt wurde nicht beobachtet. Auch die Daten zu Fischölkapseln sind widersprüchlich und liefern keinen Beleg für einen konkreten Nutzen. Zumindest eines hat sich immer wieder bestätigt: Lebensmittel mit hohem Gehalt an Transfettsäuren sollten möglichst gemieden werden. Das scheint schwer möglich, da es bis heute keine Kennzeichnungspflicht für den Gehalt an Transfettsäuren gibt. Aber es sind sowieso wohl die üblichen Verdächtigen: Pommes, Süßes und Fertiggerichte...

Vielleicht kommt die neue Ernährungsbewegung aus den USA gerade recht. Die „Neolithiker“ haben den Anspruch, sich so zu ernähren, wie die Steinzeitmenschen, im Wesentlichen viel Wild und Fisch, Nüsse und Beeren, keine Milch- und Getreideprodukte. Die neuzeitlichen Steinzeitler erklären die erhofften positiven Effekte damit, dass der Mensch evolutionär noch keine Gelegenheit hatte, sich auf Hamburger und Latte Macchiato umzustellen.

Leider wurden die Steinzeitler nur selten älter als dreißig Jahre – eine zu kurze Lebensspanne, um über die positiven oder negativen Langzeitwirkungen ihrer Ernährungsweise zu spekulieren.

Quelle: arznei-telegramm 2/10