Herausforderung Ruhestand

teas_ruhestandEndlich in Rente?

Wer den Abschied aus dem Berufsleben aktiv gestaltet und sich bewusst auf den Ruhestand vorbereitet, braucht sich vor dem „Pensionsschock“ nicht zu fürchten.

Herbert Geißler telefonisch zu erreichen ist schier unmöglich. Seit der 68-Jährige vor drei Jahren in Rente ging, platzt sein Terminkalender aus allen Nähten: Im örtlichen Seniorenbüro als ehrenamtlicher Mitarbeiter tätig, übernimmt er zwei Mal pro Woche jeweils einen halben Tag Telefondienst, im Dorf kümmert sich der Blumenfreund zudem um die Pflege der öffentlichen Grünanlagen, an einem Abend in der Woche passt er auf seine Enkel auf, zwei weitere Tage sind für seine Hobbys reserviert: Kegeln, Schwimmen und die regelmäßigen Treffen mit Freunden, die wie er in Modelleisenbahnen vernarrt sind.

Auch an die Partnerschaft denken!

Herbert Geißler ist zufrieden mit seinem neuen Leben: „Endlich habe ich Zeit für Dinge, die mir Spaß machen. Früher habe ich 50 oder 60 Stunden die Woche gearbeitet. Da blieb vieles auf der Strecke.“ Heute hat er trotz vollem Programm viel mehr Zeit für seine Familie. Erika Geißler ist froh, dass ihr Mann sich bewusst auf den Ruhestand vorbereitet hat: „Noch während seines Berufslebens hat er viele Pläne für die Zukunft geschmiedet. Das war nicht nur für ihn wichtig, sondern auch für unsere Ehe. Denn ich wollte zwar gerne mehr Zeit mit ihm verbringen, meine Freiräume aber nicht aufgeben“, erzählt die Hausfrau und Mutter.

Im Unterschied zu Herbert Geißler machen vor allem Männer häufig den Fehler, zu lange am Beruf festzuhalten. Wenn sie es dann noch versäumt haben, im Laufe der Jahre eigene Interessen zu entwickeln, fallen sie mit Rentenbeginn in ein tiefes Loch. Wer derzeit in Rente geht, gehört meist zu der Generation, in der die Rollen von Frau und Mann noch klar voneinander abgegrenzt sind – er verdient das Geld, sie kümmert sich um Haus und Kinder. Wenn der frisch gebackene Rentner plötzlich den ganzen Tag zu Hause hockt und damit seiner Frau das Revier streitig macht, kann das zu einer ernsten Belastungsprobe für die Ehe werden.

Paartherapie

Für die Pflege der Partnerschaft ist es nie zu spät. Unter www.paartherapie.de hat der „Arbeitskreis Paar- und Psychotherapie e.V.“ 24.000 Therapeuten aus verschiedenen Fachbereichen registriert, um die Vernetzung von Ratsuchenden und Therapeuten zu verbessern.

Arbeitskreis Paar- und Psychotherapie e.V., Winzeldorfer Straße 14, 25474 Bönningstedt, Tel.: 040/55 66 455, Fax: 040/556 939 00, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.paartherapie.de

Deutsches Zentrum für Altersfragen, Manfred-von-Richthofenstr. 2, 12101 Berlin, Tel.: 030/26 07 40 0, Fax: 030/78 54 35 0, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.dza.de

Freiräume für sich und den Partner

Paar- und Einzeltherapeut Friedhelm Schwiderski kennt viele solcher Fälle aus seiner fast 30-jährigen Berufspraxis. „Kürzlich kam ein Ehepaar mit folgendem Problem zu mir: Der Mann, der sich stets in seine Arbeit gestürzt und diese sehr gewissenhaft erledigt hatte, führt jetzt mit der gleichen Akribie den Haushalt. Während er stolz darauf ist, seine Frau zu entlasten, geht ihr seine Gründlichkeit gehörig auf die Nerven. Beide müssen lernen, die Eigenheiten des anderen zu akzeptieren und herausfinden, an welchem Punkt sie sich treffen können.“ Sich selbst und dem Partner Freiräume zu gewähren muss geübt werden. „Manche Menschen arbeiten ihr ganzes Leben daran“, weiß der 57-Jährige. Fällt der Beruf als Orientierungsrahmen weg, muss ein Ersatz her. Anders als Herbert Geißler tun sich viele Männer jedoch schwer, eine Aufgabe nur für sich allein zu finden. „Wer sich darauf verlässt, jede freie Minute mit der Ehefrau zu verbringen, steht völlig hilflos da, wenn sie andere Pläne hat“, berichtet Friedhelm Schwiderski.

Struktur für den  neuen Lebensalltag

Loslassen zu können ist nicht nur für die Partnerschaft wichtig, es erleichtert auch den Abschied vom Beruf. Experten empfehlen, sich schon mehrere Jahre vor dem Eintritt in den Ruhestand auf die neue Lebenssituation vorzubereiten. Es ist besser, sein Ausscheiden aktiv zu gestalten, Verantwortung abzugeben und einen Nachfolger einzuarbeiten, als abzuwarten und letztlich das Heft des Handelns aus der Hand genommen zu bekommen. Wer festhält, leidet - wer loslässt, befreit sich. Das kann der Soziologe Heribert Engstler, Leiter des Forschungsdatenzentrums Deutscher Alterssurvey am Deutschen Zentrum für Altersfragen nur bestätigen. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend führen er und andere Wissenschaftler in regelmäßigen Abständen Befragungen zum Thema „zweite Lebenshälfte“ durch. „Diejenigen, die den Zeitpunkt des Rentenbeginns selbst bestimmen konnten, freuten sich über die neu gewonnene Freiheit“, fasst Engstler die aktuellen Ergebnisse des Alterssurveys zusammen. Der Soziologe warnt jedoch davor, einfach so in den Tag hinein zu leben. „Ein strukturierter Alltag gibt mehr Halt“, weiß er.

„Gesellschaftliche Partizipation ist Ausdruck und Ergebnis eines gesunden Alters“
(Deutscher Alterssurvey, 2010)

Wie die repräsentative Langzeitstudie zeigt, widmen Senioren die meiste Zeit bürgerschaftlichem Engagement, dann folgt die Familie, auf Platz 3 landen Freizeitaktivitäten. Dass gemeinnützige Arbeit die Rangliste der Aufgaben anführt, überrascht Engstler nicht: „Das Ehrenamt hat sich verändert und bietet heute viele Gestaltungsmöglichkeiten. 20 Jahre nur seinem Hobby nachzugehen, reicht nicht!“ Die Ergebnisse des Freiwilligensurveys von 2010 stützen seine Aussage: Tatsächlich stieg die Zahl engagierter Seniorinnen und Senioren zwischen 60 und 69 Jahren im vergangenen Jahrzehnt von 31 auf 37 Prozent. Bei den über 70-Jährigen erhöhte sich dieser Anteil im selben Zeitraum von 20 auf 25 Prozent. Die meisten von ihnen waren bereits vor Rentenbeginn ehrenamtlich tätig.

Eine freiwillige Ordnung für den Tagesrhythmus darf jedoch nicht zur Zwangsjacke werden. Schließlich hat man endlich mal Zeit! Und diese sollten sich die „Unruheständler“ auch nehmen – für gemeinsame Unternehmungen, Reisen, ein gutes Buch, Treffen mit Freunden, ein ausgedehntes Frühstück oder den Sonnenuntergang. Herbert Geißler hat sich für den richtigen Mix aus Muße und Leistung entschieden. „Langeweile kenne ich nicht. Das war auch früher schon so. Was ich allerdings mühsam lernen musste, ist mir Zeit zum Genießen zu nehmen. Und wissen Sie was? Das ist ein herrliches Gefühl!“