Chronische Verstopfung

teas_verstopfungProblem in der Pflege

Fast jeder dritte Erwachsene leidet unter gelegentlicher oder sogar chronischer Verstopfung. Betroffen sind vor allem ältere Menschen. Kommen weitere Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, falsche Ernährung, Vorerkrankungen oder die Einnahme bestimmter Medikamente hinzu, sind Beschwerden mehr oder weniger vorprogrammiert. Das gilt in besonderem Maße für die Bewohner von Pflegeheimen. Aus Scham verschwiegen oder von Ärzten und Pflegepersonal als Befindlichkeitsstörung abgetan, wird dem Krankheitsbild zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet – zu Lasten von Gesundheit und Lebensqualität der Betroffenen.

Wenn man nicht mehr so kann, wie man will, wird auch der Darm träge. Denn was ihn auf Trab bringen würde, fehlt den meisten pflegebedürftigen Menschen: Bewegung, Durst, Ballaststoffe und die notwendige Intimsphäre. Dazu muss man wissen, dass den Nahrungsmitteln auf dem Weg durch den Verdauungstrakt permanent Flüssigkeit entzogen wird, bis am Ende einer bis zu 30 Stunden dauernden Darmpassage eine relativ feste Masse steht. In dieser Zeit muss der Nahrungsbrei eine Strecke von acht bis neun Metern zurücklegen. Durch das Zusammenspiel verschiedener Muskeln entsteht eine Welle – die sogenannte Darmperistaltik – die die Nahrung vor sich herschiebt. Um den Transport zu gewährleisten, brauchen wir Bewegung, da sonst die Bauchmuskeln, die normalerweise die Darmtätigkeit unterstützen, schlaff wer-den. Notwendig für das Vorankommen des Darminhalts sind außerdem Reize, die sich aus seinem Volumen ergeben. Dafür sorgen im Normalfall Ballaststoffe, die wiederum viel Flüssigkeit benötigen, um aufzuquellen, die Darmbewegung anzuregen und den Stuhl weich und gleitfähig zu machen. Sind all diese Voraussetzungen nicht gegeben, dickt der Speisebrei durch zu starken Wasserentzug ein, wird hart, kommt schlechter voran und verursacht Beschwerden.

Täglicher Stuhlgang muss sein? Irrtum! Zwischen dreimal täglich und dreimal wöchentlich ist alles normal.

Verstopfung (med.: Obstipation) ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Sie kann als Folge einer Grunderkrankung auftreten oder funktionell bedingt sein. Fast jeder Mensch leidet ab und zu unter Verdauungsproblemen, zum Beispiel auf Reisen, in Stresssituationen oder aus Ekel vor unhygienischen Sanitäranlagen. Erst wenn jemand seltener als dreimal pro Woche Stuhlgang hat, sprechen Mediziner von chronischer Verstopfung. Nicht nur aus oben genannten Gründen sind ältere Menschen häufiger betroffen, sondern auch, weil sich die Verdauung im Alter verändert. Bei den meisten Senioren verlängert sich die Transportzeit der Speisereste im Dickdarm. Häufig ist auch die Koordination der Schließmuskeln beeinträchtigt, was zu einer Störung des Ausscheidungsablaufs führen kann. Neben altersabhängigen Krankheitsbildern wie Demenz, Depressionen, Parkinson oder Diabetes mellitus, die in vielen Fällen mit einer Obstipation einhergehen, wirken sich auch bestimmte Medikamente ungünstig auf einen regelmäßigen Stuhlgang aus. Dazu gehören beispielsweise Opiate, Anticholinergika, Psychopharmaka oder Eisenpräparate. In Pflegeheimen kommt erschwerend hinzu, dass sich viele Bewohner schämen, ihr "Geschäft" in einem Mehrbettzimmer in Anwesenheit anderer Bewohner verrichten zu müssen. Wird der Stuhldrang jedoch unterdrückt, bleibt der Stuhl noch länger im Darm und wird immer härter – ein Teufelskreis.

Konsequenzen für die Altenpflege

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Jeder zweite Heimbewohner leidet mittlerweile unter Obstipation. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung unter Pflegedienstleitern, die am Lehrstuhl für Geriatrie und dem Lehrstuhl für Pflegewissenschaften der Universität Witten/Herdecke durchgeführt wurde. In einer Pressekonferenz im August 2010 stellten Experten aus Medizin und Pflege erste Ergebnisse und ihre Empfehlungen für die Praxis vor. "In der stationären Altenhilfe sind meistens mehrere Ursachen für das Auftreten einer chronischen Obstipation verantwortlich. Das bedeutet nicht nur eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität, sondern kann auch zu ernsthaften Komplikationen wie Kotstau oder Darmverschluss führen", warnte Prof. Dr. Ingo Füsgen, Leiter der interdisziplinären Expertengruppe. Angelehnt an die ärztliche Basisdiagnostik empfehlen die Fachleute die monatliche Erstellung eines Stuhlprotokolls, das mindestens eine Woche lang geführt werden und Angaben zur Stuhlbeschaffenheit und Ausscheidungssymptomatik enthalten sollte. Bei Verdauungsproblemen wie Blähungen oder Völlegefühl raten sie zu einer Ernährungsumstellung, die von Massagen der Bauchdecke zur Anregung der Darmtätigkeit begleitet werden sollte. Gleichzeitig appellieren die Experten an das Pflegepersonal, den Betroffenen jegliche Hilfe anzubieten, um eine Toilette aufsuchen zu können, da dies die Darmentleerung unterstütze und die Wahrung der Intimsphäre garantiere. Ist es bettlägerigen Patienten auch mit entsprechender Hilfestellung nicht möglich aufzustehen, müssten sie zumindest die Möglichkeit haben, beim Stuhlgang ungestört zu sein. "Schon mit diesen einfachen Maßnahmen, die sich gut in den Pflegealltag integrieren lassen, kann die Obstipationsproblematik besser eingeschätzt und frühzeitig behandelt werden. Davon profitieren alle", so Prof. Dr. Füsgen.

Doch selbst wenn diese Maßnahmen konsequent umgesetzt würden, wird man nicht in allen Fällen auf die regelmäßige Gabe von Abführmitteln verzichten können. Das betrifft vor allem Patienten mit oben erwähnten Krankheiten. Abführmittel transportieren Wasser in den Darm, was den Stuhl aufweicht und das Volumen vergrößert. Durch die Reizung der Darmwand kommt es zu einer verstärkten Darmbewegung und letztlich zum Stuhlgang. Paradoxerweise entziehen viele Abführmittel dem Körper jedoch Wasser und bergen bei längerer Einnahme zudem das Risiko der Gewöhnung – der Darm wird immer träger, die Dosierung immer höher mit entsprechenden Nebenwirkungen. Die Expertengruppe um Prof. Dr. Füsgen rät jedoch dazu, den Einsatz von Abführmitteln nicht zu tabuisieren, sondern bedarfsgerecht und aktiv im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungskonzepts durchzuführen. Eine gute Verträglichkeit bescheinigen sie der osmotisch wirksamen Substanzgruppe Macrogol mit oder ohne Elektrolytzusatz, da diese nicht in Wechselwirkung mit anderen Arzneimitteln tritt.

Auf Grundlage der Befragung bei leitenden Pflegefachkräften in Alten- und Pflegeheimen sehen die Experten in den Bereichen Prävention, Diagnostik und Therapie sowie der pflegerischen Intervention Qualifizierungsbedarf.