Inkontinenz im Griff, dafür aber verwirrt?

Medikamente gegen Blasenschwäche mit Bedacht auswählen

Bonn, 06.09.17 Dranginkontinenz ist eine besonders häufige und unangenehme Form der Blasenschwäche. Das Hauptsymptom ist ein fast unkontrollierbarer starker Harndrang. Um die Beschwerden wirksam zu lindern, kommen die Betroffenen um ein Medikament oft nicht herum. Doch hier liegt der Hase im Pfeffer: Viele der verfügbaren Arzneistoffe wirken auch auf das zentrale Nervensystem und können Symptome wie bei einer leichten Demenz hervorrufen.

Standard bei der Behandlung einer Dranginkontinenz sind so genannte Anticholinergika. Sie lindern den übersteigerten Harndrang, indem sie den Botenstoff Acetylcholin hemmen, der an der Signalübertragung in der Blase beteiligt ist. Die Kehrseite der Medaille: Acetylcholin kommt praktisch überall vor, wo Nervenzellen sind und ist daher vor allem für die Gehirnleistung unverzichtbar. Wird seine Wirkung dort abgeschwächt, so ist das insbesondere für Patienten ein Problem, die aufgrund höheren Alters, einer Parkinsonerkrankung oder einer Demenz ohnehin unter Einschränkungen ihres Denkvermögens leiden. Für sie sollte daher zur Behandlung der Inkontinenz nur ein Wirkstoff eingesetzt werden, der die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren kann und somit nicht in Prozesse des zentralen Nervensystems eingreift. Informationen hierzu gibt die so genannte PRISCUS-Liste. Dort haben Wissenschaftler Wirkstoffe zusammengestellt, die für ältere Menschen bedenklich sein können, weil sie zum Beispiel unerwünschte Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem haben oder mit anderen häufig verschriebenen Medikamenten Wechselwirkungen eingehen. Im Gegenzug werden Therapiealternativen benannt, die besser verträglich sind.

Unter der Adresse www.medikamente-im-alter.de finden Interessierte die PRISCUS-Liste und ausführliche Erläuterungen. Informationen zur Behandlung der Inkontinenz sowie praktische Tipps, die den Alltag mit der Blasenschwäche erleichtern sollten, enthält die Broschüre „Mit der Blasenschwäche leben“. Sie ist kostenfrei übers Internet oder auf dem Postweg erhältlich bei: Deutsche Seniorenliga (DSL) e.V., Heilsbachstraße 32, 53123 Bonn; www.dsl-blasenschwaeche.de.

Hintergrund Anticholinergika

Anticholinergika haben sich bei der Behandlung der Dranginkontinenz seit vielen Jahren bewährt. Sie wirken dort, wo der Beckennerv das Signal zum Wasserlassen auf den Blasenmuskel überträgt. Acetylcholin ist der daran beteiligte Botenstoff. Anticholinergika blockieren die Andockstellen des Acetylcholins im Blasenmuskel und schwächen so seine Wirkung ab. In der Folge zieht sich der Blasenmuskel nicht mehr so oft und unwillkürlich zum Wasserlassen zusammen, die Blase kann wieder mehr Urin speichern.

An anderen Stellen des Körpers ist eine hohe Aktivität des Acetylcholins hingegen erwünscht. Das gilt zum Beispiel für das zentrale Nervensystem, wo der Botenstoff an Denk- und Gedächtnisvorgängen beteiligt ist. Anticholinergika, die in das zentrale Nervensystem übergehen, können somit die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen (anticholinerges Syndrom). Wirkstoffe, die aufgrund ihrer chemischen Struktur die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren können, haben diesen unerwünschten Effekt nicht.