Dement gleich inkontinent?

Das muss nicht sein!

Bonn, 13.06.12 Harninkontinenz kommt bei demenzkranken Menschen überdurchschnittlich häufig vor. Viele Betroffene werden bereits im frühen Krankheitsstadium mit Hilfsmitteln wie Vorlagen oder Windeln versorgt. Das ist nicht nur entwürdigend, sondern auch unnötig. Denn die meisten Demenzkranken können mit einer passenden Behandlung, ein paar praktischen Maßnahmen und etwas Hilfe noch lange Zeit die Toilette aufsuchen.

Bis zu 40 Prozent der über 75-Jährigen haben eine Harninkontinenz. Demenzkranke Senioren trifft es doppelt so häufig wie geistig fitte. Die Schlussfolgerung, Harninkontinenz sei eine zwangsläufige Folge der Demenz ist jedoch falsch. „Durch den Verlust der bewussten Körperkontrolle im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz kann es zur Inkontinenz kommen", erklärt Professor Dr. Ingo Füsgen, Experte für Altersmedizin am St. Elisabeth Krankenhaus in Velbert. „Es gibt jedoch eine Reihe anderer Ursachen, die eine Inkontinenz begünstigen. Viele Demenzkranke finden einfach den Weg zur Toilette nicht rechtzeitig." Auch begleitende organische Erkrankungen wie Prostataleiden oder Diabetes sowie bestimmte Medikamente, etwa gegen Herzschwäche und Bluthochdruck, können eine Inkontinenz verursachen. Ein Blick auf die verordneten Medikamente lohnt sich daher auf jeden Fall: Möglicherweise verschwinden die Symptome, wenn in Absprache mit dem Arzt ein Medikament gegen ein weniger harntreibendes ausgetauscht wird. Mitunter genügt es auch, den Einnahmezeitpunkt zu verschieben.

Kleine Veränderungen mit großer Wirkung

Mit ein wenig Hilfe bei der zeitlichen und räumlichen Orientierung können es viele Menschen trotz ihrer Demenz rechtzeitig auf die Toilette schaffen. Eine gute Beleuchtung Tag und Nacht, eine offene Toilettentür mit einem vertrauten Symbol und ein farbiger Toilettendeckel können bereits viel ausrichten. Günstig ist auch praktische Kleidung, wie etwa Hosen mit Gummizug. Wer nicht mehr zuverlässig spürt, ob seine Blase voll ist, profitiert von einem Toilettentraining, bei dem feste Toilettenzeiten eingeübt werden. Auf diese Weise können selbst fortgeschritten demenzkranke Menschen in Begleitung einer Pflegeperson auf die Toilette gehen, statt Windeln zu benutzen.

Bei Medikamenten aufpassen

Zusätzlich gibt es eine Reihe von Medikamenten, die bei einer überaktiven Blase – der häufigsten Form der Blasenschwäche bei alten Menschen – helfen können. Sie entspannen die Blase, lindern den übermäßigen Harndrang und wirken so ungewolltem Einnässen entgegen. Für alte und demenzkranke Menschen kommen dabei nur Wirkstoffe in Frage, die nicht ins zentrale Nervensystem (ZNS) vordringen können. ZNS-gängige Wirkstoffe sind ungeeignet, weil sie zusätzlich zu Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit führen und so die kognitiven Defizite verstärken können.

Weitere praktische Tipps und Hintergrundinformationen zur Harninkontinenz hat die Deutsche Seniorenliga in der Broschüre „Blasenschwäche ist kein Schicksal" zusammengestellt. Die Broschüre ist kostenlos und kann auf dem Postweg, telefonisch oder im Internet angefordert werden: Deutsche Seniorenliga e.V. (DSL), Heilsbachstraße 32, 53123 Bonn; www.dsl-blasenschwaeche.de. Bestell-Hotline 01805 – 001 905 (0,14 Euro/Min aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunkpreise abweichend).